Stadtlohn. Der Volksbund hat im letzten Jahr zahlreiche (Schul-)Projekte und Veranstaltungen zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren angeboten. Die meisten Termine lagen bereits im ersten Halbjahr rund um den 8. Mai. Dank einer besonderen Förderung der Landeszentrale für politische Bildung in NRW konnte der Landesverband aber auch kurz vor den Adventstagen noch eine außergewöhnliche Musik-Veranstaltung in der Stadthalle von Stadtlohn im Westmünsterland anbieten - und das gleich zweimal an einem Tag.
In der Stadt, die im letzten Kriegsjahr 1945 schwer bombardiert wurde, war die Konrad-Koselleck-Bigband aus den Niederlanden zu Gast. Der Bandleader Konrad Koselleck, der ursprünglich aus Bielefeld stammt und in der Vergangenheit bereits mehrere Musik-Projekte mit dem Volksbund NRW durchgeführt hatte, inszenierte mit seiner Bigband ein Storytelling-Konzert der Extraklasse. Das Konzert überzeugte dabei nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich. Neben der deutschen Jazz-Sängerin Lilith Walkenhorst führte der niederländische Erzähler sowie Podcaster Vincent Bijlo durch das vielfältige Programm und überzeugte dabei durch einen ständigen Wechsel der Perspektive. Mal stand die deutsche und mal die niederländische Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg im Vordergrund. Darüber hinaus überzeugten die Schülerinnen und Schüler eines Projektkurses der Herta-Lebenstein-Realschule Stadtlohn unter der Leitung ihrer Lehrerin Inge Nelissen, die sich mit ganz eigenen Beiträgen z.T. auf Niederländisch am Konzert beteiligten.
Nachdem das Storytelling-Konzert bereits am Mittag vor 400 erstaunlich aufmerksamen Schülerinnen und Schüler präsentiert wurde, folgte am Abend eine zweite Aufführung für die breite Öffentlichkeit. Trotz des ersten Adventswochenendes und eines parallel stattfindenden Konzertes in der Kirche fanden sich 150 Besucherinnen und Besucher ein, um sich diese besondere Vorstellung zum Ende des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren nicht entgehen zu lassen. Einer der Besucher, Dr. Bruno Fritsch, Vorsitzender der Gesellschaft für historische Landeskunde des westlichen Münsterlandes e.V., hat das Konzert im Nachgang wunderbar beschrieben mit der Überschrift „Erinnerungskultur einmal anders“. Seinen Bericht zum Konzert lesen Sie im Folgenden;
„Ich gebe zu: Der Titel des vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. NRW initiierten und organisierten ‘Storytelling’-Konzerts am 28. November 2025 in Stadtlohn hat mich neugierig gemacht: ‘Die Grenze / De Grens’, und der Untertitel noch mehr: ‘80 Jahre Kriegsende - Musik trifft Geschichte’. Versprochen also: ein anderer, ungewöhnlicher Zugang zur Geschichte. Der Anlass, die Erinnerung an das Kriegsende vor 80 Jahren, führte zurück zum 80-jährigen Krieg mit dem Überfall auf Stadtlohn, um dann schnell zum Überfall Deutschlands auf die Niederlande 1940 zu kommen. Grenzüberschreitungen, hinüber, herüber. Im Mittelpunkt stand jedoch die Zeit der Judenverfolgung und die Deportation und Ermordung der Familie Lebenstein im 20. Jahrhundert.
Tatsächlich war es ein - hervorragend gelungenes - Experiment, Erzählung über Menschen und ihr Erleben zu verbinden mit anderen Kunstformen, wozu auch das Sprechen, also der Monolog des Erzählers gehörte und natürlich auch das wechselnde und chorische Sprechen der Schülerinnen (er erinnerte an den ‘Chor’ in der altgriechischen Tragödie). Es war ein Drama, das berührte und sehr angemessen an die Opfer des Terrors erinnerte, auch an Herta Lebenstein aus Stadtlohn, die Namensgeberin der dortigen Herta-Lebenstein-Realschule. So mündete das Konzert in ein überlautes, bestimmtes ‘Nie wieder!’ Der starke Beifall des Publikums auch hier zeigte, dass die hervorragende Bigband und ihre Solisten, der Erzähler, die Sängerin, die Sprecherinnen mit der auf Niederländisch eine alltäglich erscheinende Geschichte erzählenden Schülerin „angekommen“ waren.“
Auf der Homepage der Gesellschaft für historische Landeskunde des westlichen Münsterlandes e.V. findet man zudem noch die folgende, ebenfalls begeisterte Stimme zum Konzert:
„Es war sehr beeindruckend, wie die Teilnehmer aber vor allen Dingen mit welchem Engagement und welcher Überzeugung die Akteure sich dort eingesetzt haben. Besonders hervorzuheben sind der Sprecher, die Sängerin, die Schüler und auch das Orchester. Die Auswahl der Musikstücke passte thematisch sehr gut zu den Wortbeiträgen. Wir waren, wenn man es bei so einem Thema sagen darf, begeistert. Diese Veranstaltung hat aus unserer Sicht gezeigt, wie wichtig es ist, immer wieder an die Schreckenszeit zu erinnern aber dabei auch neue Wege zu gehen," so Karl-Heinz Tünte aus Raesfeld.
Neben der Landeszentrale für politische Bildung in NRW bedankt sich der Volksbund an dieser Stelle bei der Stadt Stadtlohn sowie bei der Herta-Lebenstein-Realschule und der Lehrerin Inge Nelissen.
Ohne diese Akteure wäre das beeindruckende Konzert zum Ende des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren wohl nicht möglich gewesen.
Text: Dr. Bruno Fritsch (Gesellschaft für historische Landeskunde des westlichen Münsterlandes e.V.) mit Ergänzungen von Jens Effkemann; Fotos: Jens Effkemann