Meldungen aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen

Ein Tag auf der flächenmäßig größten Kriegsgräberstätte Europas

Auszubildende aus Siegen-Wittgenstein in Ysselsteyn

Jan Heemels führt die Siegener Gruppe über die Kriegsgräberstätte.

Siegen/Ysselsteyn. 33 Auszubildende des Berufskollegs für Wirtschaft und Verwaltung in Siegen-Wittgenstein besuchten Anfang Juni zusammen mit ihren beiden Lehrern, Herr Dr. Kleber und Herr Bender, die Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Ysselsteyn (JBS) des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. in den Niederlanden. Der ehrenamtliche Geschäftsführer des Kreisverbandes Siegen-Wittgenstein, Ingolf Jost, und die Bildungsreferentin für den Regierungsbezirk Arnsberg, Vanessa Schmolke, begleiteten sie. Dabei wurde die Fahrt durch die Stiftung Gedenken und Frieden des Volksbundes sowie durch den Kreis Siegen-Wittgenstein unterstützt.
Der pädagogische Mitarbeiter Jan Heemels führte die Gruppe über die Kriegsgräberstätte. Zuvor war die Klasse durch die Bildungsreferentin auf diesen Besuch vorbereitet worden. Anhand eines Zeitstrahls lernten die Jugendlichen historische Ereignisse von 1933 bis 1945 einzuordnen, und auch, was in den Niederlanden während der deutschen Besetzung von 1940 bis 1945 geschah. 
Beim Betreten der Kriegsgräberstätte waren sie überrascht von dem Anblick, der sich ihnen bot. Die Größe eines Friedhofes mit über 32.000 Gräbern, und damit Kriegstoten, ist im Voraus nur schwer vorstellbar. 
In der Führung lernte die Gruppe, warum der Friedhof trotz niederländischer Neutralität im Ersten Weltkrieg auch einige Gräber für die Toten aus dieser Zeit umfasst. Die Niederlande unterhielten ein Lazarett, in dem sie auch deutsche Soldaten versorgten, die in deutschen Lazaretten keine Hilfe mehr fanden. Darüber hinaus wurden verstorbene, deutsche Marinesoldaten an die niederländische Küste angespült. Die Auszubildenden erfuhren ferner, dass Ysselsteyn die einzige Kriegsgräberstätte ist, die über ein Glockenspiel verfügt. Dieses wurde auf Initiative einer um ihren verstorbenen Sohn trauernden Mutter eingerichtet, um der Stille ein wenig Musik entgegenzusetzen. 
Die Hauptaussage, die man über den Friedhof treffen kann, ist, dass der Friedhof nicht nur Soldaten eine letzte Ruhestätte bietet, sondern auch Frauen und Kindern, sogar Babys, und sowohl Opfern als auch Tätern.

Ein Beispiel für die auf der Kriegsgräberstätte Bestatteten ist die Zivilistin Anneliese Lehrmann. Sie wurde als Älteste von drei Kindern am 14. Juni 1919 in der Nähe von Angern geboren. Nach Abschluss ihrer Mittleren Reife im Jahr 1935 erlernte sie das Schneidern und Kochen, bevor sie von April 1939 bis Januar 1940 ihren Reichsarbeitsdienst versah. Im Anschluss kümmerte sie sich um ihre schwangere Tante und ihre beiden kleinen Cousinen. An Weihnachten desselben Jahres verlobte sie sich mit dem Soldaten Erich Lesenberg. Ein Jahr darauf half sie als Zahlmeisterin auf dem Stendaler Flugplatz in Borstel aus. Im Herbst 1943 wurde sie nach Holland versetzt. Am 08. April 1945 erwartete sie am Bahnhof in Meppel ihren Zug zurück in die Heimat. In diesem Moment wurde die Stadt von den Alliierten bombardiert. Sie starb durch eine Maschinengewehrkugel, die ihren Kopf traf. Ihr Verlobter dagegen wurde in Stalingrad eingesetzt, wo er noch heute als vermisst gilt.
Auch der junge Soldat Werner Paul Kraatz liegt in Ysselsteyn beerdigt. Er wurde am 15. Februar 1920 in Neundorf in Sachsen-Anhalt geboren. Nachdem er die Mittelschule abgeschlossen hatte, absolvierte er eine Lehre als Handelsgehilfe und arbeitete in diesem Beruf bis zum April 1939, als er in den Reichsarbeitsdienst berufen wurde. Parallel lernte er seine zukünftige Frau Gisela kennen, die er am 19. Februar 1944 heiratete. Er kam von Mitteldeutschland nach Russland, schließlich wieder nach Deutschland, da er 1943 zwei Operationen auf Grund von Halsentzündungen durchführen lassen musste. Im Anschluss kam er von dort nach Belgien und nach Holland, wo er am 25. Februar 1945 durch einen Bauchschuss bei einem Tieffliegerangriff getötet wurde.

Im Anschluss an die Führung arbeiteten die Auszubildenden im Rahmen eines Workshops zu Lebensschicksalen in kleinen Gruppen mit dem Inhalt einzelner Boxen. Jede Box enthält dabei Briefe, Fotos oder persönliche Gegenstände verschiedener Personen, die alle auf der Kriegsgräberstätte Ysselsteyn beerdigt sind. Die einzelnen Arbeitsgruppen erstellten jeweils zu „ihrer“ Person ein Plakat, bevor sie dann an den jeweiligen Gräbern ihr Poster präsentierten und ihr Wissen mit den anderen teilten.

Bevor die Gruppe die Rückfahrt antrat, ließ sie den Tag Revue passieren. Für alle Teilnehmenden stand fest, dass diese Orte wichtige Zeitzeugen der Weltkriege und der Gewaltherrschaft sind, wie sie unter den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges ausgeübt wurde, und dass sich jeder Mensch mit dieser Geschichte auseinandersetzen sollte, um Kriege und menschenverachtende Regime zukünftig zu vermeiden. 
Die Gruppe war sich einig, dass sie den Besuch einer Kriegsgräberstätte auch Verwandten und Freunden empfehlen würde.

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