Meldungen aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen
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Eine neue Namenliste für die Stadt Dorsten

„Projekt Plennyje“ des Volksbundes identifiziert über 400 sowjetische Kriegsgefangene

Vor einer Bildprojektion mit der Aufschrift "Projekt Plennyje" sieht man eine Gruppe acht Menschen. Zwei von Ihnen halten eine Broschüre in ihrer Mitte.

Übergabe der neuen Liste mit fast 500 Namen: (vordere Reihe, v.l.n.r.): Dr. Josef Ulfkotte (Vorsitzender Verein für Orts- und Heimatkunde), Stefan Schmidt (Volksbund NRW), Martina Eßing (stv. Landrätin), Dr. Marius Seydel (Volksbund NRW/Projekt Plennyje), Bürgermeister Tobias Stockhoff. Hintere Reihe: Schüler des Gymnasium Petrinum Vanessa Wilke

Dorsten. Am 23. November 2025, dem Ewigkeitssonntag, übergaben Mitarbeiter des Volksbundes NRW der Stadt Dorsten ein Buch mit den Namen von 492 sowjetischen Kriegsgefangenen. Bürgermeister Tobias Stockhoff nahm das Namenbuch entgegen. Schülerinnen und Schüler des Gymnasium Petrinum trugen ihre Gedanken zum Schicksal der Kriegsopfer bei. Vertreterinnen und Vertreter der Ratsfraktionen, die stellvertretende Landrätin des Kreises Recklinghausen, Martina Eßing, der Vorsitzende des Vereins für Orts- und Heimatkunde Dorsten, Dr. Josef Ulfkotte, und weitere Bürgerinnen und Bürger folgten mit großem Interesse und großer Anteilnahme den Beiträgen.
 

Traditionelles Gedenken am Ewigkeitssonntag

Die Temperaturen an diesem Sonntag liegen noch gerade eben über null Grad, als sich Bürgerinnen und Bürger um 14.30 Uhr vor der Kapelle auf dem Waldfriedhof versammelt. Die Kirchengemeinden in Dorsten haben zur traditionellen ökumenischen Andacht am Ewigkeitssonntag eingeladen. Im Anschluss begibt sich die Gesellschaft auf den benachbarten sogenannten „Russenfriedhof“. Hier sind zivile Zwangsarbeitskräfte, aber auch Kriegsgefangene aus der ehemaligen Sowjetunion, in Massengräbern beigesetzt. Im Gedenken an diese Menschen verlesen Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 b des Gymnasium Petrinum Dorsten ein selbstverfasstes Gedicht über das Leid der sowjetischen Kriegsgefangenen und ihre anonymen Gräber fernab der Heimat. Die Schülerinnen und Schüler verleihen ihrem Gedenken Ausdruck, indem sie selbstgemachte Gaben am Gedenkstein ablegen.

Eine besondere Veranstaltung im Rathaus

In diesem Jahr schließt sich an diese Gedenkveranstaltung eine besondere Veranstaltung an. Auf Einladung der Stadt Dorsten und des Vereins für Orts- und Heimatkunde Dorsten e. V. trifft sich die Gruppe im Rathaus der Stadt wieder. 46 Personen, unter ihnen Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 a des Gymnasium Petrinum, finden sich schließlich ein, um dem letzten Teil des Programms Aufmerksamkeit zu schenken. In seiner Begrüßung erzählt Bürgermeister Tobias Stockhoff von der Städtepartnerschaft mit der kleinen, an der Marne gelegenen französischen Stadt Ville de Dormans. Hier haben in den 1960er Jahren deutsche und französische Jugendliche gemeinsam Gräber von Kriegstoten der Marne-Schlacht des Ersten Weltkriegs gepflegt. Aus diesem „Jugendlager“ des Volksbundes entwickelte sich eine Partnerschaft beider Städte, die bis heue Bestand hat. Damals wie heute habe der Volksbund der Stadt Dorsten zur Völkerverständigung verholfen, sagt der Bürgermeister. Die „Jugendlager“ heißen nun „Workcamps“, und werden heute noch vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. organisiert.

"Projekt Plennyje": Toten ihre Identität zurückgeben

Der Historiker Dr. Marius Seydel knüpft an die sowjetischen Kriegsgräber in Dorsten an und stellt in seinem Vortrag das „Plennyje“-Projekt vor. Neben ihm arbeiten Dr. Reinhard Otto und Vanessa Wilke in diesem Projekt.

Häufig seien die Kriegsgräberlisten, über die die einzelnen Kommunen und Friedhofsträger verfügen, unvollständig, so Dr. Seydel. Hierergebe sich folglich noch Forschungsbedarf. Am Beispiel des Kriegsgefangenen Aleksej Koltschanow erläutert Dr. Seydel die Vorgehensweise des Forschungsprojektes: Seine Personalkarte zeige, dass er nach seiner Gefangennahme durch die Wehrmacht vier Kriegsgefangenenlager in Deutschland durchlaufen musste. Bevor er nach Dorsten verlegt wurde, sei er in einem Arbeitslager der Krupp AG in Essen an der Raumerstraße inhaftiert gewesen. Am Ende starb Koltschanow im Alter von 23 Jahren im Lazarett des Lagers an der Schleuse in Dorsten. Bis heute gebe es Dokumente, darunter die Personalkarte und einen Sterbefallnachweis über seine Person, angelegt von der Wehrmacht. Obwohl man ihnen bis heute biografische Angaben über Aleksej Koltschanow entnehmen könne, ruhe er bislang namenlos auf dem Friedhof in Dorsten-Holsterhausen. Jahrzehnte hätten diese Unterlagen in sowjetischen Archiven unter Verschluss gelegen. Erst seit den 1990er Jahren seien die Quellen der Wehrmacht zugänglich.

Das „Plennyje“-Projekt widme sich der Recherche nach diesen Dokumenten und rekonstruiere die einzelnen Friedhöfe, um die Toten ihre Identität zurückzugeben und sie einzelnen Grablagen zuzuordnen. Obwohl der Aufbau des Friedhofs bislang nicht habe geklärt werden können, konnte das Projektteam für den „Russenfriedhof“ in Dorsten über 400 Namen ausfindig machen. Bislang seien lediglich 80 Namen bekannt gewesen. Dr. Seydel schließt seinen Vortrag mit dem Hinweis, dass eine Identifizierung der Kriegstoten nun auch eine Information an Angehörige ermöglicht, die teilweise seit Ende des Krieges auf der Suche nach ihren vermissten Familienmitgliedern sind.

Bürgermeister Tobias Stockhoff dankt dem Projektteam für die Arbeit. Die neue Namenliste sei ein Geschenk für die Stadt und gleichzeitig auch ein wichtiger Beitrag für die Kommunen zur Erinnerungskultur. 

Beeindruckende Ergebnisse eines begleitenden Schulprojekts

Als letzten Programmpunkt an diesem Nachmittag stellen Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Petrinum sehr vielfältige Ergebnisse vor, die sie in ihrer Projektarbeit zum „Russenfriedhof“ erarbeitet haben: Ein Film thematisiert fiktionale Tagebucheinträge eines Zwangsarbeiters aus Dorsten, die auf Recherchen von Schülerinnen und Schülern beruhen. Er berichtet von den engen Baracken, in denen sie untergebracht waren. Der Zwangsarbeiter ist mit zwei Kameraden geflüchtet. Dabei hat er mit ansehen müssen, wie seine Freunde erschossen wurden. Er selbst ist vom Wachpersonal ergriffen worden, aber am Leben geblieben. Seine Gedanken kreisten um den Tod und seine Familie. Die Schülerinnen und Schüler verstehen die Geschichte als Teil ihrer/unserer Verantwortung.

In einem weiteren Beitrag erläutert ein Plakat in kurzen Stichworten, was Zwangsarbeit in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges bedeutete: Menschen sind insbesondere in der Rüstungsindustrie ausgebeutet worden, haben unter menschenunwürdigen Bedingungen gelebt, sind an Krankheiten und Hunger gestorben oder vom Wachpersonal ermordet worden. In Form eines Comics wird das Leben des Pawel Maslowskij präsentiert: Bis er in den Krieg eingezogen wurde, hat er als Landwirt gearbeitet. Nach seiner Gefangennahme hat er in Deutschland Zwangsarbeit im Bergbau leisten müssen. Viele seiner Kameraden sind dort gestorben und er selbst mit einer Verletzung ins Lazarett gekommen, bevor auch er daran gestorben ist. Pawel Maslowskij ist an unbekannter Stelle auf dem „Russenfriedhof“ beerdigt. Mit einem Gedicht rufen Schüler dazu auf, aller Opfergruppen zu gedenken, darunter auch den Zwangsarbeitskräften: „Wir müssen alles tun, um ihr Schicksal nicht zu vergessen. “Ein abschließender Poetry Slam fragt nach dem Wert eines Menschen, wenn er still verscharrt und vergessen auf einem Friedhof ruht.

In eindrucksvollen Beiträgen haben sich die Schülerinnen und Schüler mit den Schicksalen der sowjetischen Kriegsgefangenen auseinandergesetzt. Die erweiterte Namenliste bietet eine weitere Grundlage für die Erinnerungsarbeit. Ein nächster Schritt wird sein, die nun bekannten Namen der Kriegstoten auf dem Friedhof zu veröffentlichen. 

Weitere Information über das “Plennyje-Projekt” finden Sie hier. 

Text und Bilder: Vanessa Wilke