Meldungen aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen

Frühjahrstreffen der Jugendlichen im Jugendarbeitskreis NRW

Ein Erfahrungsbericht des JAK-Mitglieds Valentin Schlesinger

Warburg. Während seines Frühjahrstreffens war der Jugendarbeitskreis (JAK) NRW vom 25.-27.03.2022 im Kreis Höxter und im Kreis Waldeck-Frankenberg unterwegs. Im Verlauf des Freitagabends fanden sich alle 11 Teilnehmer:innen in einem Selbstversorgerhaus in Menne, einer Ortschaft von Warburg, ein. Dabei konnte der JAK-NRW sich über zwei neue Interessenten freuen, die erstmals an einem Treffen des JAK teilnahmen. Ein anderes Mitglied war sogar aufwendig aus dem Raum Stuttgart angereist.

Die Arolsen Archives

Aufgrund des Jahresthemas des Volksbunds Helden-Täter-Opfer besuchte der JAK am Samstagvormittag die „Arolsen Archives. International Center on Nazi Persecution“ in Bad Arolsen.

Diese seit 2013 dem UNESCO-Weltdokumentenerbe zugehörige Sammlung umfasst 50 Millionen Namenskarten und 30 Millionen Dokumente zu Opfern des Holocaust, KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern. So ist es weltweit das größte Archiv zu den Opfern des Nationalsozialismus, dass über mehr als 17,5 Millionen Menschen Auskunft bietet. Das Archiv verfügt auch über persönliche Gegenstände (Fotos, Geldbörsen etc.) von diesen. Unter anderem befinden sich die Akten von Konzentrationslagern im Bestand des Archivs. Die Ursprünge des Archivs gehen auf den unmittelbar nach Kriegsende gegründeten International Tracing Service (ITS) zurück, der in Kooperation mit anderen Organisationen die Suche nach „Displaced Persons“ durchführte. Aufgrund der in der Mitte der Besatzungszonen angesiedelten Lage und der Verfügbarkeit von entsprechenden Räumlichkeiten verlegten die Alliierten den Aktenbestand nach Bad Arolsen. Seit den 1950er Jahren dient das ITS der Beschaffung von Nachweisen, damit Opfer des Nationalsozialismus Entschädigungsanträge stellen können.  Gerade steht die Digitalisierung des umfangreichen Aktenbestandes an, die bis 2025 abgeschlossen sein wird. Auch heute erhält das Archiv mehr als 40.000 Anfragen im Jahr.

Die pädagogische Mitarbeiterin der Abteilung Forschung und Bildung, Frau Schwabauer, führte uns durch die Dauerausstellung „Ein Denkmal aus Papier“ und unterrichtete uns über die Geschichte, die Arbeit und die Ziele der „Arolsen Archives“. Sie ging auf den Widerstand der deutschen Behörden nach dem Krieg ein, die dem ITS nur auf Druck der Alliierten entsprechende Akten zur Verfügung stellten.  Dabei verdeutlichte sie die auch heute noch sehr anspruchsvolle Suche nach Angehörigen. Nach der Führung hielt Frau Schwabauer einen Vortrag über Zwangsarbeit. Zusätzlich legte Sie Kopien von Originaldokumenten vor, die den Umgang mit  ausländischen Arbeitskräften betrafen, und damit die nationalsozialistische Rassenhierarchie unter diesen kenntlich machten. Dabei wurde den  angehenden Lehrkräften in der JAK-Gruppe klar, dass der online verfügbare Bestand der „Arolsen Archives“ mit seinen zeitgenössischen Dokumenten wichtiges Unterrichtsmaterial liefern kann, welches einen unmittelbaren Zugang für Schüler:innen unter anderem zum Thema Zwangsarbeit bietet.

Leider musste ein am Nachmittag geplantes Treffen mit einer Zeitzeugin ausfallen, da diese erkrankt war. In ihrer Jugend bekam sie den Umgang mit Zwangsarbeiter:innen in ihrem Dorf mit und arbeitete diese Zeit später als Erwachsene mit auf.

Ehemalige Synagoge Borgentreich-Borgholz

Am Sonntagvormittag fand sich der JAK in Borgholz, einem Stadtbezirk von Borgentreich, ein, um die dortige Synagoge aufzusuchen. Dabei traf der JAK Andrea und Werner Dürdoth aus dem Kreisverband Höxter. Frau Tewes von der Denkmalbehörde Borgentreich hielt in den Räumlichkeiten der Synagoge einen Vortrag über die nicht mehr existierende jüdische Gemeinde von Borgholz. Sie verwies auf  die anspruchsvolle Suche nach einem geeigneten Grundstück nach dem Stadtbrand von 1836, die zu einer neu errichteten Synagoge im Jahre 1838 führte. Bereits 1937, ein Jahr vor dem Novemberpogrom in der NS-Zeit , wurde die Synagoge von Borgholzer Einwohnern  geschändet und beschädigt. Dabei wurden die aufwendigen Kristallglasfenster vernichtet, der Toraschrein entwendet und die Inneneinrichtung beschädigt. 1938 wurde das Gebäude erneut beschädigt und für einen geringen Preis an einen Bauern veräußert, in dessen Eigentum sich die Synagoge auch nach dem Krieg befand. Dieser entfernte die Außentreppe der Synagoge und setzte ein Tor ein, um diese als Lagerraum nutzen zu können, so dass die Synagoge als solche nicht mehr zu erkennen war. Auf Initiative von Lokalpolitikern wurde die Synagoge 1995 gekauft und renoviert, wobei man die Gebrauchsspuren der Nachkriegszeit zum Teil erhalten hat. Von der ursprünglichen Synagoge konnten die Frauenempore und Teile der aufwendigen Wandmalereien erhalten werden. Nach der Renovierung wurde die Synagoge bis vor wenigen Jahren vermehrt beschmiert, so dass der Staatsschutz zum Schutz des Gebäudes eingeschaltet werden musste.

Im Verlauf des Vortrages ging Frau Tewes unter anderem näher auf die erfolgreiche jüdische Kaufmannsfamilie Löwenstein aus Borgholz ein, deren Geschäft nach Jahrzehnten in den 1930er zugrunde ging, da Borgholzer Geschäftspartner Zahlungen unterließen. Vor der Deportation und Ermordung der Familie Löwenstein wurde ihr Geschäft und ihr Wohnhaus, wie bei anderen Borgholzern jüdischen Glaubens, von  Mitbürgern gestürmt und beschädigt.


Der Besuch der Arolsen Archives und der Borgholzer Synagoge verweisen auf die enorme Dringlichkeit und die damit einhergehende Verantwortung, der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken.

Gemeinsame Zeit

Trotz des engen Zeitplans hatte der JAK-NRW auch Zeit für Spaziergänge, Restaurantbesuche und verbrachte den Samstagnachmittag an einem idyllischen See. Dazu bot sich in der Selbstversorgerunterkunft oft die Gelegenheit zu einem gemeinsamen Zusammensein.

Am Sonntagnachmittag besichtigte der JAK die Stadt Warburg und musste sich anschließend voneinander verabschieden.

Das Treffen wurde gefördert durch die Stiftung Gedenken und Frieden (www.gedenkenundfrieden.de); wir danken für die finanzielle Unterstüzung. Der JAK-NRW bedankt sich zudem bei Frau Schwabauer und bei Frau Tewes für ihre Zeit und ihre informativen Vorträge, auch zu Pandemiezeiten. Zudem hoffen wir auf die baldige Genesung der Zeitzeugin und wünschen ihr alles Gute.


Text: Valentin Schlesinger, Mitglied des JAK-NRW

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