Ysselsteyn (Niederlande). Am gestrigen Volkstrauertag fand auf der deutschen Kriegsgräberstätte Ysselsteyn eine Gedenkveranstaltung statt. Der Veranstalter, der deutsche Botschafter in den Niederlanden, Dr. Nikolaus Meyer-Landrut, konnte hochrangige Gäste begrüßen: den Minister der Finanzen des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Marcus Optendrenk, den Roermonder Weihbischof Everard de Jong, den Bürgermeister der Gemeinde Venray, Michiel Uitdehaag, sowie nicht zuletzt den niederländischen Militärrabbiner David Gaillard. Vor rund 100 Gästen aus Deutschland und den Niederlanden verknüpften die Redner in ihren Ansprachen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Botschafter Dr. Nikolaus Meyer-Landrut äußerte in seiner Begrüßung “als Vertreter eines Landes, dessen Name mit dem unendlichen Leid verbunden bleibt, das es über Europa gebracht hat” Dankbarbkeit für die Möglichkeit eines gemeinsamen Erinnerns, In niederländischer Sprache appellierte er an die Zuhörderinnen und Zuhörer: “Lassen Sie uns gemeinsam in Stille gedenken – mit offenen Augen und offenen Herzen, für ein Europa in Frieden, Respekt und Menschlichkeit”.
Minister Dr. Marcus Optendrenk verwies auf aktuelle Kriege in Syrien, im Sudan und vor allem in der Ukraine. Ein Ort wie Ysselsteyn zeige, dass Geschichte sich nicht wiederholen dürfe. Frieden, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit seien Werte, die es zu verteidigen gelte. Ysselsteyn wandele sich „von einem Ort der Trauer und des Gedenkens zu einem Ort der Hoffnung.“ Denn durch aktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit werde hier Raum für Dialog und Verständnis geschaffen – „gemeinsam: Niederländer und Deutsche, als Europäer, als Menschen.“ Ein kollektives, grenzüberschreitendes Engagement sei erforderlich, um „die Werte der Demokratie zu bewahren und zu stärken.“
Weihbischof Monsignore Everard de Jong vom Bistum Roermond wies auf die sehr unterschiedlichen Biographien der auf dem Friedhof bestatteten Kriegstoten hin. Er bat um Versöhnung auch für diejenigen, die Leid verursacht haben.
Mit einem Zitat erinnerte Bürgermeister Michiel Uitdehaag an den Holocaust-Überlebenden und Psychotherapeuten Hans Keilson, der sich nach dem Krieg der Überwindung von Traumata gewidmet habe: „Die Stille nach dem Schuss ist lauter als der Schuss selbst“. Diese Stille nach dem Schuss sei in Ysselsteyn hörbar. Erinnerung bedeute deshalb, „nicht nur zurückzublicken. Es bedeutet, mit bewusster Achtsamkeit nach vorn zu schauen. Es bedeutet, uns jeden Tag zu fragen: Wähle ich Verbindung oder Ausgrenzung? Dialog oder Polarisierung? Menschlichkeit oder Bequemlichkeit?“ Im Gedenken liege eine Mission: „Achtsam zu sein. Ständig zu lernen. Ständig zuzuhören. Die Stille nach dem Schuss zu wahrzunehmen – noch bevor Entscheidungen getroffen werden.“
Als besonderer Gast richtete auch Militärrabbiner David Gaillard das Wort an die Anwesenden. Er bekannte, dass er nie daran gedacht hätte, einmal auf einem deutschen Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Er erinnerte an die Diskussionen, die sich 1966 in den Niederlanden anlässlich der Heirat der damaligen niederländischen Prinzessin Beatrix mit dem Deutschen Claus von Amsberg entspannten, ausgerechnet in Amsterdam, wo fast 70.000 Jüdinnen und Juden, beinahe ein Zehntel der Stadtbevölkerung, von Deutschen ermordet wurden. Nach der Heirat habe Prinz Claus sein erstes Interview nicht einer der großen niederländischen Tageszeitungen gegeben, sondern dem kleinen “Neuen Israelitischen Wochenblatt”. Dies habe sein “vollstes Verständnis für die jüdische Bevölkerung” gezeigt.
Mit Blick in die Gegenwart benannte Gaillard “gesellschaftliche Herausforderungen, die wie in den 1930er Jahren zu Instabilität führen können: […] Materialismus, Diskriminierung und Antisemitismus und […] erneut die Anziehungskraft starker Führungspersönlichkeiten.“ Er plädiere daher für “eine erneute Suche nach nach dem Guten, dem Schönen und dem Wahren in den Ursprüngen unserer europäischen Zivilisation“ und empfahl als Orientierungshilfe das „Buch der Psalmen“ als eine gemeinsame Quelle von Judentum und Christentum. Er schloss mit einem hoffnungsvollen Gebet, das versteckte Juden in jiddischer Sprache an einer Kölner Kellerwand hinterlassen hatten: „Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre. Ich glaube an G‘t, auch wenn er schweigt.“
Das Totengedenken des Bundespräsidenten verlasen die Freiwilligen der Jugendbegegnungsstätte Ysselsteyn des Volksbundes, Matteo Heuer und Tobias Schnieder. Deutsche und niederländische Jugendlichen trugen Friedensbotschaften vor. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von den dem einheimischen, virtuosen Gesangstrio Isa Linders, Sophie und Emma Deters. Die militärischen Totensignale, das niederländische „Taptoe“ und das deutsche „Lied vom guten Kameraden“ und die Entzündung des „Freiheitsfeuer“, das an die Befreiung der Niederlande vor 81 Jahren erinnert, schloss die Veranstaltung ab.
Viele der Gäste folgten anschließend der Einladung der Deutschen Botschaft und des Volksbundes zu einem Gedankenaustausch über das Gehörte im Besucherzentrum der Kriegsgräberstätte.
Stefan Schmidt