"Und 80 Jahre danach?"

Die Angehörigen reisten nach Dortmund, um den Ort des Todes von Aleksej Pavlovskiy zu besuchen. Dort fanden sie schließlich auch den von den Schüler*innen erstellten Namensziegel vor.

In der Reihe „Und 80 Jahre danach?“ fragen wir Menschen, was sie heute mit dem 22. Juni 1941 verbinden. Stefan Schneider ist Lehrer an der Europaschule Dortmund, einer Bildungspartnerschule des Landesverbandes NRW. Seit acht Jahren betreut er an seiner Schule ein Projekt, das die Erinnerung an sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeitskräfte wachhalten will. Dieses „Namensziegel-Projekt“, das der Volksbund vor vielen Jahren initiiert hatte, macht namentliches Gedenken an die Toten möglich. 

Welche persönliche Geschichte/welches Erlebnis verbindet Sie heute mit dem Krieg gegen die Sowjetunion?
Im Jahr 2014 übernahm ich an der Europaschule Dortmund ein bereits etabliertes Projekt zum „Gedenken an die Opfer von Krieg und Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg“. In diesem Projekt, befassen sich die Schüler*innen, vor allem des 9. Jahrgangs, mit ausgewählten Schicksalen der 5.095 sowjetischen Kriegsopfer, die auf dem Dortmunder Hauptfriedhof im Zweiten Weltkrieg unter einer Rasenfläche anonym bestattet – oder besser: begraben – wurden. Am Ende dieses Projektes erstellen die Heranwachsenden zu  jedem Kriegsgefangenen einen Namensziegel aus Ton, um den Menschen nachträglich ihre Identität zurückzugeben.

Deutlich vor Beginn unserer praktizierten Erinnerungsarbeit bemühte sich eine Familie aus Russland, Informationen über das persönliche Schicksal ihres Angehörigen Aleksej Pavlovskiy zu erfahren. Alexej Pavlovskiy war im Zweiten Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten – und aus dieser nie zurückgekehrt. Nach jahrelangen umfangreichen Recherchen erfuhr die Familie, dass Aleksej Pavlovskiy in Dortmund als Kriegsgefangener gelebt hatte, dort verstorben war und auf dem Hauptfriedhof begraben worden war. 
Die Angehörigen reisten nach Dortmund, um den Ort des Todes von Aleksej Pavlovskiy zu besuchen. Dort fanden sie schließlich auch den von den Schüler*innen erstellten Namensziegel vor – und wurden auf diese Weise auf unser Projekt aufmerksam.   

In einer emotionalen Videobotschaft bedankten sie sich für unsere Arbeit. Insbesondere folgende Worte in diesem etwa 15-minütigen Beitrag berührten mich sehr: 
„Es ist ein außergewöhnliches Gefühl, wenn du zum ersten Mal zum Ort der Leiden und des Todes des Menschen aus deiner Familie kommst. Er hatte ein schreckliches Los, weit weg von seiner Heimat in fremdem Land unter fremden Leuten begraben zu sein. Und plötzlich siehst du mit deinen eigenen Augen, dass diese Leute gar nicht fremd sind, dass die Leute daran denken, mitfühlen, und es für geboten halten, ein Andenken warm zu halten.“
Ich verstehe diese Worte nicht nur als aufrichtigen Dank, sondern auch als Appell, unsere völkerverbindende Arbeit fortzusetzen. 

Wo nahm Ihr Engagement den Anfang und was bedeutet es heute für Sie?
Seit 2014 begleite ich in jedem Schuljahr mit großartiger Unterstützung des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Schüler*innen bei unserer Erinnerungsarbeit. Die in diesem Rahmen erstellten Namensziegel zu einzelnen sowjetischen Kriegsopfern werden immer in einer feierlichen Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag auf dem Hauptfriedhof angebracht. In diesem Kontext beweisen die Schüler*innen großen Mut und eine beachtliche Courage, indem sie sich den anwesenden Neonazis entgegenstellen und bewusst aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedenken. Dabei wird den Jugendlichen, aber auch tatsächlich vielen anwesenden Eltern in besonderer Weise die Wirksamkeit ihres demokratischen Handelns bewusst. Dies jährlich zu erleben, ist auch für mich als Lehrkraft immer wieder ein besonderer Moment.

Welche Botschaft möchten Sie für die Zukunft weitergeben?
Ich versuche, den Schüler*innen folgende Botschaft ganz besonders zu vermitteln: Geht hinaus und berichtet euren Angehörigen sowie Freunden von eurer Erinnerungsarbeit. Denn auf diese Weise erfüllt ihr nachträglich einen Wunsch vieler Opfer: dass die Nachwelt von ihrem unerträglichen Leid erfährt und die Menschen, die aufgrund der menschenverachtenden Taten der Nationalsozialisten ihr Leben verloren haben, nie vergessen werden.   
Die Schüler*innen sollen also begreifen, dass sie durch ihre Kommunikation, durch ihr Handeln zu Multiplikatoren des Friedens werden – und einen großen Beitrag im Sinne der Völkerverständigung leisten können.  

Abschließen möchte ich mit folgenden Worten Hannah Arendts:
„Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern, weil sie auf das Getane niemals Gedanken verschwendet haben, und ohne Erinnerung kann nichts sie zurückhalten. Das Denken an vergangene Angelegenheiten bedeutet für menschliche Wesen, sich in die Dimension der Tiefe zu begeben, Wurzeln zu schlagen und so sich selbst zu stabilisieren, sodass man nicht bei allem Möglichen – dem Zeitgeist, der Geschichte oder einfach der Versuchung – hinweggeschwemmt wird. Das größte Böse ist nicht radikal, es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich in unvorstellbare Extreme entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten.“
(Hannah Arendt: Über das Böse, München 201913, S. 77.)
 

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