'Und 80 Jahre danach?'

"In unserer Familie gab es das Wort 'Großvater' nicht."

In der Reihe ‚Und 80 Jahre danach?‘ fragen wir Menschen, was sie heute mit dem 22. Juni 1941 verbinden.

Dr. Ljubov Jakovleva-Schneider ist Geschäftsführerin des Essener Vereins Rhein-Ruhr-Russland, der die kulturellen deutsch-russischen Beziehungen pflegt und unterschiedliche Projekte und Gedenkveranstaltungen organisiert. 


Welche persönliche Geschichte /welches Erlebnis verbindet Sie heute mit dem Krieg gegen die Sowjetunion?
Der 22. Juni 1941, Sonntag... An diesem Tag wurde mein Vater, Nikolai, 6 Jahre alt. Damals hatte man die Kindergeburtstage nicht ausgiebig gefeiert - Kindergeburtstag halt, nichts Besonderes. Aber Nikolai erwartete gerade diesen Tag sehnsüchtig. Sein Papa hatte ihm versprochen, zusammen an dem Fluss Dnjepr angeln zu gehen. Angeln!!! Ein Traum für jeden Jungen! Die halbe Nacht konnte der Kleine nicht schlafen und ganz früh am Morgen wurde er von seinem Vater geweckt: "Steh auf, Nikolai! Wir werden bombardiert! Die Deutschen haben unser Land überfallen. Du fährst jetzt mit der Mama weg!" Das war das letzte Mal, dass mein Vater seinen Vater gesehen hat. Er konnte sich noch gut an die starken Hände von meinem Opa erinnern, die seinen Sohn hochgehoben und der Mutter im großen Güterwagon überreichten. Zusammen mit vielen Tausend Frauen und Kindern aus der Ukraine fuhren sie in die Evakuation, weit weg von Zuhause. Mein Papa hatte Glück, er hat es überlebt. Er sagte: "Es war so furchtbar, der Zug fuhr so schnell, und zu beiden Seiten fielen deutsche Fliegerbomben. Mit einem schrecklich lauten Geräusch!"
Mein Opa Wassilij ist in diesem Krieg gefallen, das heißt er ist gar nicht Opa geworden, mit nur 29 Jahren! Mein Papa ist ohne Vater groß geworden und ich ohne Opa. Auch meine Mutter erlitt das gleiche Schicksal - das Wort „Großvater“ gab es in unserer Familie nicht!

Wo nahm Ihr Engagement den Anfang und was bedeutet es heute für Sie?
Der Onkel meines Vaters hatte weniger Glück. Zusammen mit der ganzen Klasse sind damals 14-jährige Schüler und Schülerinnen - in der Ukraine haben Jungen und Mädchen schon vor dem Krieg zusammen gelernt - in die Viehwagons von den deutschen Okkupanten geladen und nach Deutschland verschleppt worden. Soviel ich weiß, um in den Krupp-Werken zu arbeiten. Keiner aus der Klasse ist zurückgekehrt. Viele von den "geraubten" Kindern und Jugendlichen sind auf dem Terrassenfriedhof Essen-Schönebeck begraben. Mehr als 1.500 junge Menschen aus der Sowjetunion sind als Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene hier beerdigt worden.
Der Verein Rhein-Ruhr-Russland setzt sich seit 2002 dafür ein, dass die Namen dieser jungen Leute nicht in Vergessenheit geraten. Zusammen mit der Stadt Essen, der Friedhofsverwaltung und Grün und Gruga kümmern wir uns um die Kriegsgräber, bringen die Steine und das umliegende Territorium in Ordnung. Seit fast 20 Jahren organisieren wir am 9. Mai eine Gedenkfeier mit Kranzniederlegung, zu der wir auch die Russische Orthodoxe Kirche in Essen, Vertreter der Generalkonsulate von Russland und Serbien, der Deutschen Kriegsgräberfürsorge, des Mädchengymnasiums Borbeck und anderer Institutionen einladen.

Welche Botschaft möchten Sie für die Zukunft weitergeben?
Warum macht das der Verein Rhein-Ruhr-Russland eigentlich? 80 Jahre sind seit diesen schrecklichen Tagen des Beginns des Krieges zwischen Deutschland und der Sowjetunion vergangen (der Große Vaterländische Krieg 1941-1945), ganz schön viel Zeit! Aber die Wunden des Krieges sind weder in den Herzen der russischen Menschen ausgeheilt, noch auf dem deutschen Boden. Immer noch werden die alten englischen und amerikanischen Bomben in Essen ausgegraben, immer noch suchen die Menschen nach ihren verschollenen Verwandten in den Archiven!
Ein Krieg in Europa darf sich nie wiederholen! Unser gemeinsames Andenken an die Opfer wird es nicht zulassen! Ich möchte meine kurze, aber so typische Familiengeschichte mit einem Zitat von Bert Brecht beenden: "Lasst euch nicht verführen"!
 

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