Und 80 Jahre danach?

Jana Moers

Das große Interesse an Deutschland und an einer besseren Verständigung hat uns immer wieder angespornt.

In der Reihe „Und 80 Jahre danach?“ fragen wir Menschen, was sie heute mit dem 22. Juni 1941 verbinden.

Als Matthias Wagner nach Lüdenscheid zog, wusste er nichts über die Geschichte seines neuen Wohnortes. Im Laufe der Jahre hat er sich jedoch um die Aufarbeitung der Geschichte Lüdenscheids bemüht und die Kontakte zur russischen Partnerstadt Taganrog gefördert.

 

Welche persönliche Geschichte verbindet Sie heute mit dem Krieg gegen die Sowjetunion?

„Warum gibt es in Lüdenscheid-Piepersloh einen Russenfriedhof?“ fragte mich mein erster Geschichtskurs 1978/79, als ich von Köln zu meiner Frau ins Sauerland gezogen war. Zuerst dachte ich, dass die Schüler*innen mich als neuen Lehrer auf den Arm nehmen wollten. Aber das war nicht der Fall, und bis heute forsche ich, nach den Schicksalen und Namen der ca. 300 Toten des Russenfriedhofs und 200 weiteren Namen von Opfern des benachbarten Arbeitserziehungslagers Hunswinkel .
Da mein Fragen und Forschen nur wenig vorankam und auf dem „Russenfriedhof“ auch zwei Gräber von jüdischen Deutschen angelegt waren, erkundete ich die Schicksale jüdischer Lüdenscheider*innen. 1990 konnte ich die Stadt dafür gewinnen, neun Überlebende zu einem Besuch in ihre Geburtsstadt einzuladen. Im gleichen Jahr fiel der „Eiserne Vorhang“ und viele russische Städte suchten Partnerstädte in Deutschland. Das führte - auch durch die Bereitschaft des Bürgermeisters Dietrich - 1991 zur Städtepartnerschaft Lüdenscheids mit Taganrog bei Rostow.

Dadurch wurde die Frage nach den Schicksalen der Toten des „Russenfriedhofs“ wieder aktuell. 1993 lud die Stadt 24 ehemalige Zwangsarbeiter*innen aus der Partnerstadt Taganrog ein. Dabei entstanden mehrere persönliche Kontakte. Schüler*innen konnten danach die Namen von mehr als 200 sowjetischen zivilen Zwangsarbeitskräften, die in den Fabriken der Stadt und in dem Arbeitserziehungslager Hunswinkel bei Lüdenscheid-Piepersloh ums Leben kamen, mit Bildern und Informationen zu einer Ausstellung im Rathaus zusammenstellen. Das führte zu der Publikation „Arbeit macht frei – Zwangsarbeit in Lüdenscheid“. Gleichzeitig errichtete die Stadt das Mahnmal Hunswinkel an der Versetalsperre neben der Klamer Brücke für die ca. 550 Opfer des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers. Dort lädt am 21. Juni jedes Jahr die Friedensgruppe zu einer Gedenkfeier ein. Es ist das Datum der Errichtung des Mahnmals 1997 und der Vorabend des Tages, an dem 1941 der „Russlandfeldzug“ von Deutschland begonnen wurde.  


Wo nahm Ihr Engagement den Anfang und was bedeutet er heute für sie?

2005 veröffentlichte die Friedensgruppe mit anderen das Gedenkbuch für die NS-Opfer in Lüdenscheid. Erstmals wurden die Zahlen von 2.900 deutschen Soldaten und 1.100 anderen Opfern bekannt. Fast 900 waren Sowjetbürger, von denen aber noch die meisten Namen unbekannt waren und mehrere hundert es noch sind. Die Friedensgruppe, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die Gewerkschaften und ca. 60 Bürger*innen konnten 2012 nach sechsjährigen Bemühungen eine Gedenkstätte im Keller des alten Rathauses eröffnen und über die vielen NS-Opfer berichten, von denen die meisten hier in dem ehemaligen Polizeigefängnis inhaftiert waren.  
2011 und noch mehrfach besuchte die Friedensgruppe die Partnerstadt Taganrog und vereinbarte 2018 mit der Tschechov-Hochschule die gemeinsame Ausarbeitung einer russisch-deutschen Ausstellung über Zwangsarbeiter*innen. Der Titel ist „Dialog der Erinnerungen – für den Frieden“.
Wegen der Corona-Pandemie konnte sie nur für eine kurze Zeit 2020 im Museum gezeigt werden, die Ausstellung steht aber jedem zur Verfügung. Das große Interesse der russischen Gastgeber an Deutschland und an einer besseren Verständigung zwischen Russland und Deutschland hat uns immer wieder angespornt, trotz vieler politischer Konflikte die Freundschaft für die Völkerverständigung zu stärken. Für uns gehört Russland fest zu Europa. Deshalb müssten noch viel mehr Jugendtreffen, Austausche und Begegnungen stattfinden.
Inzwischen wissen wir auch, dass auf dem „Russenfriedhof“ bei Lüdenscheid-Piepersloh ca. 300 Gefangene der Gestapo liegen, die im März 1945 von Köln aus hierhin deportiert und ermordet wurden. Die meisten waren russische Zwangsarbeitskräfte, deren Namen wir noch durch die Zusammenarbeit mit dem Volksbund herausfinden möchten.


Welche Botschaft möchten Sie für die Zukunft weitergeben?

Lüdenscheid war nie Kampfzone, hat  aber gut hundert Ziviltote durch Luftangriffe zu beklagen. Zusätzlich kostete der tödliche Rassismus gegen Juden, Sinti, Roma, Menschen mit Behinderungen u.a. hier mehr als 110 Bürger*innen das Leben. Und durch den Rassismus der deutschen „Herrenmenschen“ gegenüber den sowjetischen „Untermenschen“ kamen hier fast 900 Sowjetbürger ums Leben: durch Hunger, Schwerstarbeit, Misshandlungen u.a. Im „Russlandfeldzug“ verlor gut die Hälfte der knapp 2.900 Lüdenscheider Soldaten ihr Leben, also ca. 1.500. Die Angaben umfassen die frühere Stadt und das Amt Lüdenscheid, die seit 1968 zusammen gehören.
Mit der Freien Christlichen Schule am Baukloh wollen wir in diesem Jahr für die 240 sowjetischen Verstorbenen des Lazaretts in Baukloh ein Mahnmal errichten, damit junge und alte Menschen die Opfer von Hass und Krieg nicht vergessen.
Antisemitisches, rassistisches, hasserfülltes, kriegerisches und extrem nationalistisches Denken, Sprechen und Tun sind mörderisch. Das soll anhand der Lokalgeschichte bewusst werden. Das Wissen und die Erinnerung helfen uns, auch in Lüdenscheid und dem Märkischen Kreis eine bessere Zukunft zu schaffen.
 

 

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