Und 80 Jahre danach?

Mein Vater sprach ansonsten nicht viel über den Krieg in Russland, aber wenn, dann sagte er nur Positives über die russische Bevölkerung.

In der Reihe „Und 80 Jahre danach?“ fragen wir Menschen, was sie heute mit dem 22. Juni 1941 verbinden.

Viele Kriegsteilnehmer haben nach ihrer Rückkehr nie oder nur selten über ihre Zeit als Soldat oder Kriegsgefangener gesprochen. Dietrich Schöning hat auch selten erzählt – doch er hat sich offen um Begegnungen und Versöhnung bemüht. Dabei hat er auch seine Familie eingebunden, die sein Engagement nach seinem Tod weiterführt. Darüber berichtet seine Tochter, Dietgard Reith.


Welche persönliche Geschichte verbindet Sie heute mit dem Krieg gegen die Sowjetunion?

In unserer Familie wurde der 14. Juli immer gefeiert – es ist der Heimkehrertag meines Vaters Dietrich Schöning. Am 14. Juli 1949 kam er aus russischer Gefangenschaft nach Hause. Zu diesem Tag gehört auch die Geschichte, dass er seine Mutter so fest drückte, dass drei Rippen angebrochen waren. 
Mein Vater sprach ansonsten nicht viel über den Krieg in Russland, aber wenn, dann sagte er nur Positives über die russische Bevölkerung.
Im Jahr 1993 ergab sich für ihn die Möglichkeit einer ersten Reise nach Rshew, wo mein Vater an den gesamten Kämpfen teilgenommen hatte. Der deutsche Kriegsteilnehmer Erich Vornholt hatte einen Brief an die russischen Veteranen in Rshew geschrieben. Die Antwort war eine Einladung nach Rshew. Mein Vater kam erfüllt von den freundschaftlichen Begegnungen zurück. Danach war er bis auf zwei Jahre jedes Jahr mit in Rshew – zum letzten Mal 2016 im Alter von 97 Jahren, 5 Wochen vor seinem Tod. Die Begegnungen mit Veteranen, Schülerinnen und Schülern sowie deren Deutschlehrerinnen und mit der Bevölkerung haben ihm ermöglicht, die schlimmen Kriegserlebnisse zu verarbeiten und herzliche Beziehungen aufzubauen. 
Die Arbeit für Frieden und Freundschaft durch das Kuratorium Rshew, das mein Vater mit gegründet hat, fand im Jahr 2002 ihre Erfüllung in der Eröffnung des Friedensparks in Rshew mit dem russischen und deutschen Soldatenfriedhof nebeneinander. Dieser Park ist das sichtbare Zeichen der wunderbaren Versöhnung zwischen den Kriegsteilnehmern beider Seiten, die meinem Vater so wichtig war.
Die zahlreichen persönlichen Kontakte hat mein Vater bis zu seinem Lebensende bei den gegenseitigen Besuchen und durch regelmäßige Telefonate gepflegt. 


Wo nahm Ihr Engagement den Anfang und was bedeutet es heute für Sie?

Zum ersten Mal konnte ich 2002 nach Rshew reisen, um an der beeindruckenden Eröffnung des Friedensparks teilzunehmen. Zu erleben, mit welchem Engagement die Veteranen und die Bürger von Rshew dieses Projekt unterstützen, war sehr bewegend. In den folgenden Jahren lernte ich vor allem die Deutschlehrerinnen aus Rshew kennen, die regelmäßig zu Seminaren in die Partnerstadt Gütersloh kommen. In den Jahren 2018 und 2019 war ich selbst als Unterrichtende daran beteiligt. Seit 2012 habe ich fast jedes Jahr an den Reisen nach Rshew teilgenommen und selbst viele Freundschaften mit Menschen aus der Stadt geschlossen. 
Der fehlende persönliche Kontakt in der Corona-Zeit hat dazu geführt, dass es jetzt ein Zoom-Treffen mit russischen Schülerinnen, Schülern und Lehrerinnen und den deutschen Freunden aus Gütersloh und vom Kuratorium Rshew gab. Das soll in Zukunft vierteljährlich wiederholt werden, auch wenn hoffentlich ab 2022 wieder persönliche Besuche und das Lehrerinnen-Seminar stattfinden können.


Welche Botschaft möchten Sie für die Zukunft weitergeben?

Persönlich pflege ich den Kontakt mit Rshew und seinen Bürgern und werde dies auch weiterhin tun. Auch meine Kinder motiviere ich, diese Kontakte zu pflegen. Darüberhinaus möchte ich junge Menschen ermutigen, nach den Spuren ihrer Vorfahren zu suchen bzw. sich persönlich mit dem Thema des Krieges zu beschäftigen, indem sie z.B. an Workcamps des Volksbundes teilnehmen. Denn wir brauchen in Deutschland die Entwicklung einer persönlichen Gedenk- und Erinnerungskultur, damit es nie wieder einen solchen Krieg gibt.
 

🍪 Cookie Einstellungen

Erforderlich

Diese Cookies sind für den Betrieb der Webseite zwingend erforderlich. Hier werden bspw. Ihre Cookie Einstellungen gespeichert.

Statistik

Wir verwenden Google Statistik Cookies um zu verstehen, wie Sie mit unserer Webseite interagieren.