Und 80 Jahre danach?

Mein Vater hatte seine Familie und seine Heimat wiedergefunden – vielen anderen aus aller Welt war dieses Glück nicht zu Teil geworden.

In der Reihe „Und 80 Jahre danach?“ fragen wir Menschen, was sie heute mit dem 22. Juni 1941 verbinden.

Karl-Heinz Schwarze (Oberst der Reserve) aus Neuenheerse (Kreis Höxter) hat sich viele Jahre für Verständigung eingesetzt, als er Pflegeeinsätze von Reservisten organisiert hat. Heute pflegt er die Gräber von zwei sowjetischen Kriegsgefangenen, die wahrscheinlich auf der WiFo (Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft mbH), einem Betriebs- und Munitionsdepot in Herbram-Wald (heute Kreis Paderborn), arbeiten mussten. Gemeinsam mit seiner Frau hat er die Gräber dieser Männer wieder instand gesetzt und ins Bewusstsein der Gemeinde zurückgeholt. 


Was verbindet Sie heute mit dem Krieg gegen die Sowjetunion?
Zunächst die Erinnerung und das Gedenken an unsägliches Leid der Zivilbevölkerung, an Unrecht und Unmenschlichkeit sowie qualvolles Sterben von Soldaten. Vor allem aber das Zurückrufen an den Lebensweg meiner Eltern, die der Krieg von 1944 bis 1949 dauerhaft getrennt hatte. Und nicht zuletzt die Erinnerung an die lebenslange treue Kameradschaft meines Vaters mit drei weiteren aus benachbarten Dörfern zurückgekehrten Kriegsgefangenen unter Einbindung dieser Familien. 

Der nachfolgende Satz meines Vaters hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt: „Gegen 02.30 Uhr am 06. Mai 1949 sprach der Dienst tuende Neuenheerser Fahrdienstleiter Josef Göhn auf dem Bahnhof in Altenbeken einen zerlumpten, ausgehungerten und verunsicherten Mann, dessen Gestalt ihm bekannt vorkam, forsch an: „Karl, bist Du es; wie siehst Du denn aus; wo kommst Du überhaupt her; wo willst Du denn bloß hin?“ Ängstlich und stotternd kam eine flüsternde Antwort: „Aus sibirischer Kriegsgefangenschaft, nach vier Jahren Gefangenschaft möchte ich endlich nach Hause, nach Neuenheerse.“ Mein Vater hatte seine Familie und seine Heimat wiedergefunden – vielen anderen aus aller Welt war dieses Glück nicht zu Teil geworden. Dazu gehören auch (insbesondere) die zwei russischen Kriegsgefangen, deren Gräber meine Frau Christa und ich seit 2008 pflegen.


Wo nahm Ihr Engagement den Anfang und was bedeutet es heute für Sie?
Unsere Eltern haben meinem Bruder und mir nach dem Krieg eine wohltuende Zukunft geschaffen, weil sie sich gemeinsam unter größten Entbehrungen einen Neuanfang zugemutet hatten. Meine und die jüngere Generation sind unter einem Friedenshimmel geboren und glauben daher oftmals, viele Eindrücke und Vorkommnisse nur in aller Ruhe beobachten zu müssen. Diese Haltung muss durch ein anderes Ziel ausgewiesen werden, das lohnenswerter ist, als zu klagen, als abseits zu stehen oder einer persönlichen Entscheidung auszuweichen. Es heißt einerseits, Verantwortung für andere zu übernehmen, ohne sein eigenes Ich im Vordergrund zu sehen. Andererseits erfordert es die Bereitschaft aller, Gemeinschaft zu pflegen und stetig zu helfen, sie gemeinsam auszubauen.

Mit vielen Reservisten engagierte ich mich in der Kriegsgräbersammlung und fand dadurch auch Verbindung zum Volksbund nach Detmold (Oberstleutnant a.D. Ulrich Appelt) und Kassel (Bundesgeschäftsstelle). Nach guten Gesprächen wurde mir die Aufgabe anvertraut, die Pflege deutscher Soldatenfriedhöfe im Ausland verantwortlich durchzuführen. Von 2001 bis 2007 waren wir (15 -20 Reservisten, organisiert im Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V.) in West- und Osteuropa (Niederbronn-les-Bains/Frankreich – Ysselsteyn/Niederlande – Debrecen/Ungarn – Metz/Frankreich – Siemianowice/Polen – Chisinau/Moldawien und Focsani/Rumänien) unter Bereitstellung von 14 Urlaubstagen im Einsatz. Das gastgebende Land stellte auf meine Bitte hin uns jeweils die gleiche Anzahl aktiver Soldaten zur Seite.  Die Mahnung der Kriegstoten bedeutet eben nicht „einander aus dem Weg zu gehen“, sondern vielmehr „einen Schritt aufeinander zuzugehen“. Diesen Weg haben wir zusammen mit den dortigen Soldaten und bei den abschließenden Kranzniederlegungen mit der Zivilbevölkerung unter medialer Begleitung erfolgreich gestaltet.

Auch wenn es kein Zeichen einer Liebe erfährt, hört das Kreuz / Grab einer Kriegsgräberstätte nie auf zu mahnen. Auch ohne Kranz strahlt es in jedem Moment hell und erfüllt seinen Auftrag! So sprachen mich nach Beendigung meiner Zeit der Auslandseinsätze für den Volksbund die vergessenen Kriegsgräberstätten mit den Namen: „Stefan Priowalow und Unbekannt“ auf dem Neuenheerser Friedhof an. „Als Kriegsgefangener“, so sagte mein Vater oftmals, „bist du ehrlos - wehrlos - rechtlos“. Diese Grabstätten befanden sich damals in einem ehrlosen Zustand. Der Bauhof der Stadt Bad Driburg und der Neuenheerser Mitbürger Engelbert Osburg halfen bei der Umgestaltung/Einfassung der Grabstätte mit. Ich bin dankbar auch mit zunehmendem Alter eine ehrenamtliche Tätigkeit für die Bewahrung von Frieden ausüben zu können. Zahlreiche Mitbürger unterstützen nach und nach diese Pflegearbeiten durch das Anzünden einer Kerze.


Was möchten Sie für die Zukunft mitgeben / weitergeben?
Zukunft beinhaltet vor allem die Kultur, dass die Toten Teil unserer menschlichen Gemeinschaft bleiben und die Gefallenen / Vermissten nicht in Vergessenheit geraten. Wir sprechen hier über eine Zeit, in der die Macht das Recht hatte. Heute hat das Recht die Macht. Wir können uns frei bewegen und unsere Meinung frei äußern, aber wir sollten meiner Auffassung nach unsere Pflichten dabei nicht vergessen.

Schutzgeben ist und bleibt eine zeitlose gesellschaftliche Herausforderung. Versöhnung und Verzeihung über den Gräbern ist der einzig überzeugende Schritt, auch wenn er Zeit und Verständnis erfordert. Darum habe ich die Tradition meines Vaters jährlich zu Silvester eine „Messe für alle vermissten und gefallenen Soldaten lesen zu lassen“ übernommen und mit dem Satz: „sowie der zivilen Opfer von Krieg, Terror und Gewalt“ ergänzt.

Schließen möchte ich mit einem Zitat aus einem Geburtstagsgruß eines deutschen Generals, der mich aus Afghanistan erreichte: „Erst wenn einem der regelmäßige Kontakt zu seiner Familie verwehrt ist, wird einem bewusst, wie sehr sie einem fehlt!“ Damit schließt sich für mich der Kreis aus Erinnerung und Zukunft!

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