Mönchengladbach. Im Rahmen eines Schulprojekts haben sich Schüler:innen des Hugo-Junkers-Gymnasiums Mönchengladbach intensiv mit einer lange marginalisierten Opfergruppe des Nationalsozialismus auseinandergesetzt: den als „asozial“ stigmatisierten Menschen. Ausgangspunkt war ein Besuch des Hauptfriedhofs Mönchengladbach, bei dem die Jugendlichen auf ein unscheinbares und wenig gepflegtes Mahnmal aufmerksam wurden.
„Warum erinnert hier kaum etwas an diese Menschen?“, fragte eine Schülerin irritiert – eine Frage, die zum Leitmotiv des gesamten Projekts wurde.
Schnell wurde deutlich, dass sich hinter den schwer lesbaren Namen individuelle Schicksale verbergen: Menschen, die verfolgt, deportiert und ermordet wurden – und deren Leid nach 1945 lange kaum Anerkennung fand. In der weiteren Projektarbeit erarbeiteten die Schüler:innen gemeinsam mit Historiker:innen die historischen Hintergründe dieser Verfolgung und setzten sich kritisch mit Begriffen und Zuschreibungen auseinander.
„Uns war vorher nicht klar, dass diese Menschen doppelt ausgegrenzt wurden – damals im KZ und später in der Erinnerung“, reflektierte ein Kursteilnehmer.
Ein zentraler Bestandteil des Projekts war die Arbeit mit Originalquellen aus Archiven. In Kleingruppen rekonstruierten die Schüler:innen die fragmentarischen Biographien einzelner Opfer. Dabei wurde deutlich, wie schwierig es ist, aus Verwaltungsakten Lebensgeschichten zu erschließen.
„Man merkt, dass in den Akten kaum etwas über die Menschen selbst steht – nur, was Behörden über sie geschrieben haben“, stellte eine Schülerin fest. „Das hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, ihnen ihre Stimme zurückzugeben.“
Exkursionen, unter anderem zur Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, erweiterten den Blick auf weitere verfolgte Gruppen und die Strukturen nationalsozialistischer Gewalt. Die Jugendlichen setzten sich dabei auch mit der Rolle staatlicher Institutionen auseinander und zogen Parallelen zu heutigen Formen von Ausgrenzung.
„Das ist kein abgeschlossenes Kapitel. Viele Vorurteile gibt es heute noch“, so ein Schüler nach einem Workshop.
Einen Höhepunkt bildete die öffentliche Präsentation am Volkstrauertag. Die Schüler:innen stellten ihre Forschungsergebnisse vor, reinigten das Mahnmal und erinnerten mit biographischen Beiträgen an die dort bestatteten Opfer.
„Es fühlt sich an, als würden wir den Menschen ein Stück Würde zurückgeben“, sagte eine Teilnehmerin während der Gedenkveranstaltung.
Auch über den Projektzeitraum hinaus wirkt die Auseinandersetzung fort: In einer abschließenden Diskussion wurde betont, dass Erinnerung Verantwortung bedeutet – nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Gegenwart.
„Erinnern heißt handeln“, fasste ein Schüler zusammen. „Sonst ändert sich nichts.“
Das Projekt zeigt eindrucksvoll, wie historisches Lernen junge Menschen dazu befähigt, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv für eine lebendige und inklusive Erinnerungskultur einzusetzen.
Dieses Projekt fand in Kooperation innerhalb der Bildungspartnerschaft zischen dem Hugo-Junkers-Gymnasium, dem Stadtarchiv Mönchengladbach und dem Landesverband NRW statt. Es wurde dankenswerterweise durch das Programm „Demokratie leben!“ gefördert.
Text und Fotos: Dimitrios Kritsimos