Meldungen aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen

“Ein Deutscher Jäger + (gestorben) 14.01.1945“

Zwei Hobbyhistoriker klären nach über 75 Jahren das Schicksal von drei unbekannten Kriegstoten auf

Schöppingen. Am 12.01.1945 begann die russische Großoffensive und die Rote Armee drang in Ostpreußen vor. Die Luftwaffe geriet in Zugzwang und verlegte Einheiten der Reichsluftverteidigung in den Osten. Die III. Gruppe des Jagdgeschwaders 1 verlegte am 13.01.1945 vom Flugplatz Rheine nach Strausberg (östlich von Berlin). Am Morgen des 14.01.1945 sollte die I. Gruppe des Jagdgeschwaders 1 mit Jagdflugzeugen vom Typ Focke Wulf Fw 190 vom Flugplatz Twente (Niederlande) nach Jürgenfelde (Ostpreußen) verlegen. Jedoch verzögerte dichter Nebel den Start und als sich die Sichtverhältnisse gegen 10.20 Uhr verbesserten, tauchten plötzlich kanadische Jagdflugzeuge vom Typ Spitfire über dem Platz auf und griffen die im Start befindlichen Deutschen an. Eigentlich waren die Spitfires auf dem Weg zur bewaffneten Aufklärung in den Raum Münster - Rheine als sie durch ein Loch in der Wolkendecke den Platz Twente und das dortige Treiben entdeckten. Der kanadische Verband bestand aus 36 Maschinen, die zum 401, 411 und 442 Squadron gehörten. [...] Die startenden Focke Wulfs waren leichte Ziele. Einige deutsche Jäger waren bereits in der Luft, wieder andere waren im Start begriffen. So entwickelte sich ein Luftkampf, der sich in einem schmalen Streifen beiderseits der deutsch-holländischen Grenze zwischen Oldenzaal und Vreden abspielte. In dessen Verlauf wurde Flying Officer A. J. Urquhart, 442 Squadron, abgeschossen und konnte mit dem Fallschirm aussteigen, nachdem er selbst eine deutsche Maschine vom Himmel geholt hatte. Nordöstlich des deutschen Dörfchens Heek, das nur 15 km ostwärts Twente liegt, war für Urquhart der Krieg vorbei und er wurde gefangen genommen.

Urquhart war der Schlüssel und der Ausgangspunkt der Nachforschungen, die zur Klärung des Schicksals eines deutschen Piloten führten, der seit dem 14.01.1945 vermisst wurde. Martin Kösters und Mario Hoppe sind zwei Hobbyhistoriker, die in ihrer Freizeit ehrenamtlich die Kriegsereignisse und die Schicksale der beteiligten Crews während des 2. Weltkrieges in ihrer Heimat im Westmünsterland erforschen und festhalten. 2019 wurden die beiden auf die Gefangennahme Urquharts aufmerksam. Sie begannen nachzuforschen, zu welcher Einheit er gehörte, was zu seinem Absturz und seiner Gefangennahme geführt hatte. Es folgten umfangreiche Recherchen und dabei kam zutage, dass er an dem Angriff auf Twente beteiligt war, bei dem zahlreiche deutsche Maschinen abgeschossen wurden. Bei der Auflistung der getöteten deutschen Piloten stießen sie auf den Oberfähnrich Schwager, der unweit der Stelle, an der Urquhart abgeschossen wurde, ums Leben kam und im deutschen Schöppingen beerdigt wurde. Interessant wurde es, als Kösters und Hoppe feststellten, dass am gleichen Tag wie Schwager ein unbekannter deutscher Jagdflieger beerdigt worden ist. Sein Grabkreuz war nur mit “Ein deutscher Jäger +14.01.1945” beschriftet. Es konnte vieles möglich sein. Es hätte gut sein können, dass der unbekannte Pilot einer völlig anderen Einheit angehörte oder vor bzw. nach Schwager abgeschossen worden war. Das galt es zu verifizieren. Die Gemeinde Schöppingen erlaubte Kösters und Hoppe, das Gemeindearchiv zu sichten. Dabei fanden sie Belege dafür, dass am 14.01.1945 in der Bauernschaft Gemen-Ramsberg zeitgleich zwei deutsche Jagdflugzeuge nur 100 Meter voneinander entfernt, abstürzten. Während es damals gelang, den einen Flugzeugführer in Person von Oberfähnrich Helmut Schwager zweifelsfrei zu identifizieren, musste man den zweiten als unbekannt zur letzten Ruhe betten.
 
Hoppe und Kösters erstellten eine Liste, die alle Personalverluste der I. Gruppe beinhaltete. Die I. Gruppe verlor 12 Piloten, wovon nur einer überlebte. Zehn sind im Grenzgebiet abgestürzt, ein Pilot entkam nach Stolzenau und ein weiterer entkam bis nach Kyritz. Die beiden Piloten erlagen noch am selben Tag an ihren Verletzungen, die sie bei der Bruchlandung erlitten hatten. Die Grablagen dieser 10 waren eindeutig belegt. Von einem fehlte jedoch jede Spur und er blieb vermisst: Feldwebel Schulz. Bei den Recherchen tauchten auch die Namen von einem polnischen Landarbeiter Piotr Smolarski und russischen Landarbeiter Loutis Kulenschenko auf, die auch als unbekannte Personen auf dem Alten Friedhof beigesetzt wurden, somit konnten diese endlich identifiziert werden. Die beiden Hobbyhistoriker stellten eine umfangreiche Dokumentensammlung zusammen, die eindeutig belegte, dass es sich bei dem namenlosen Piloten nur um den 25-jährigen Feldwebel Otto Hermann Schulz handeln musste, da er der einzige Vermisste dieses Tages war und alle anderen Gefallenen zweifelsfrei identifiziert und an nachgewiesenen Orten beerdigt worden waren. Diese Dokumentation wurde im Februar 2019 an das Bundesarchiv (ehemals WASt) in Berlin geschickt. In der Zwischenzeit fand ein Ortstermin mit Vertretern vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und einem Vertreter der Gemeinde Schöppingen an den Kriegsgräbern in Schöppingen statt, um die Sanierung der Kriegsgräber anzuregen. Es vergingen einige Monate, bis im September 2019 die erfreuliche Nachricht vom Bundesarchiv kam, dass das Bundesarchiv den Argumenten von Hoppe und Kösters folgte und bestätigte, dass es sich bei der unbekannten Person um Otto Hermann Schulz handelte. Passend zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Deutschland waren die Sanierungsarbeiten durch die Gemeinde Schöppingen abgeschlossen. Nunmehr haben der bisher unbekannte Flieger und die beiden Landarbeiter ihren Namen zurück.

Hier finden Sie den ausführlichen Bericht über die Ereignisse.

Foto und Text: Mario Hoppe

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