"Und 80 Jahre danach?"

Rainer Budweg mit Bild seines Onkels Ludwig Stefan Schmidt, LV NRW

Rainer Budweg

Er bietet anderen Menschen, die auf der Suche nach Angehörigen sind, seine Hilfe bei den Recherchen an.

Rainer Budweg

Über 70 Jahre altes Familienrätsel gelöst


Welche persönliche Geschichte /welches Erlebnis verbindet Sie heute mit dem Krieg gegen die Sowjetunion?


Wer kann schon von sich behaupten, ein über 70 Jahre altes Familienrätsel zu lösen? Oder nach über 70 Jahren einen Verwandten wiedergefunden zu haben? 

Wie in vielen Familien gab es auch in meiner Familie einen jungen Soldaten, der nie aus dem Krieg zurückkehrte: Mein Onkel Ludwig Schulze, einer von zwei Brüdern meiner Mutter. Wir wussten, dass er am 17. April 1944 gefallen ist und von seinen Kameraden in Piotrow am Ortsausgang begraben wurde. Doch niemand kannte die genaue Grablage. Entsprechend hat niemand aus der Familie sein Grab besuchen können. 

Als ich meine Familiengeschichte erforschte, recherchierte ich auch zu Onkel Ludwig. Um die Geschichte meines Onkels abschließen zu können, reiste ich im Mai 2017 in die Ukraine. Ich wollte den Ort besuchen, in dem mein Onkel gestorben ist. Ilja Demtschuk, ein junger Ukrainer, begleitete mich dabei. Nachdem wir uns ein wenig umgeschaut hatten, beschlossen wir, die Menschen in den Häusern am Ortsausgang zu befragen. Ilja klopfte am ersten Haus auf der rechten Seite. Eine junge Mutter öffnete die Tür. Sie wusste nichts von einem Grab, verwies uns aber auf die 80-jährige Nachbarin. Während ich noch einige Fotos von der Straße machte, sprach Ilja mit der alten Frau. Auch sie konnte uns nicht helfen. Doch gerade als ich zu dem Gespräch dazustoßen wollte, traf ich auf eine Frau mittleren Alters. Sie kam gerade aus ihrem Gemüsegarten. Obwohl wir nicht davon ausgingen, dass sie uns etwas aus Kriegszeiten berichten konnte, befragte Ilja auch sie. Ich verstand praktisch nichts von dem Gespräch, doch plötzlich hörte ich immer nur „Da“, „Da“, „Da“ (russisch für „ja“). Sie wusste wirklich, wo mein Onkel begraben war. Ihre Oma hatte ihr als kleines Kind eine Stelle auf dem freien Gelände hinter dem Gartenzaun gezeigt und erzählt, dass dort ein deutscher Soldat läge. Tatsächlich war dort wirklich eine kleine Erhöhung zu sehen. Das war einer der aufregendsten und emotionalsten Momente meines Lebens. 

Im Oktober 2017 besuchte ich die Stelle noch einmal. Diesmal gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Volksbundes und professionellen Umbettern. Ich war dabei, als sie das Grab öffneten. Wir fanden unter anderem die Oberschenkelknochen – offensichtlich hatte der Mann einen Schuss in den Oberschenkel abbekommen. Eine Erkennungsmarke haben wir leider nicht gefunden. Aber die Knochen- und Zahnfunde deuten stark darauf hin, dass es sich um meinen Onkel Ludwig handelt. Zudem passt die Fundstelle mit den Informationen zur Grablage von Ludwig Schulze überein, die bei der Deutschen Dienststelle (WASt) nachgehalten sind. Darum wurden die Gebeine unter dem Namen Ludwig Schulze auf der deutschen Kriegsgräberstätte Potelitsch eingebettet – heute hat mein Onkel also einen eigenen Grabstein. Ich habe als Erinnerung die Knöpfe der Uniform behalten, die wir bei der Umbettung gefunden haben. 

 

Wo nahm Ihr Engagement den Anfang und was bedeutet es heute für Sie?


Eigentlich wollte ich nur meine Familienchronik vervollständigen. Im Mai 2017 bin ich deshalb in die Ukraine geflogen, um Fotos von dem freien Feld am Ortausgang der Stadt Petriv bzw. Петрів (früher Piotrow) zu machen. Ich hatte von der Deutschen Dienststelle (WASt) die Auskunft bekommen, dass mein Onkel Ludwig während des Krieges dort am nördlichen Dorfausgang beerdigt worden war. In meiner Chronik wollte ich Fotos der Landschaft aufnehmen und als „Grabstätte“ meines Onkels kennzeichnen. So wollte ich das Kapitel über ihn eigentlich abschließen. 
Doch dann habe ich durch einen großen Zufall diese Frau getroffen, die mir die exakte Lage des Grabes von Onkel Ludwig in einem Garten zeigen konnte. Diese Frau hätte zu dem Zeitpunkt überall sein können – doch sie kam genau in dem Moment vorbei, als ich nach dem Grab suchte, von dem niemand außer ihr im Dorf etwas wusste. Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht verstehen. Ich bin eigentlich ein sehr rationaler Mensch. Doch seit diesem Erlebnis fühle ich seitdem manchmal die Anwesenheit meines Onkels. Wenn ich an seine Geschichte bzw. an meine Suche nach ihm denke, bekomme ich manchmal eine Gänsehaut am ganzen Körper. Dann weiß ich, dass Onkel Ludwig gerade bei mir ist. 


Welche Botschaft möchten Sie für die Zukunft weitergeben?


Nachdem die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) die Geschichte über meine Suche nach Onkel Ludwig veröffentlicht hat, hat sich Herr Franz Soodmann aus Essen bei mir gemeldet. Er hat während des Krieges in der 97. Jäger-Division gedient, die gemeinsam mit der 101. Jäger-Division von Onkel Ludwig den gesamten Feldzug in der Sowjetunion gekämpft hat. Er hat mir schreckliche Geschichten über die Kämpfe vor Ort erzählt. Auch wenn die Menschen damals furchtbare Dinge erlebt haben und viele deutsche Familien Angehörige verloren haben, sollten wir eine Sache niemals vergessen: Die Deutschen haben diesen Krieg begonnen. Sie haben den Krieg von langer Hand geplant und gestartet. Die zahlreichen tragischen Schicksale dürfen uns nicht vergessen lassen, welche Intention und Ideologie hinter diesem Krieg steckte.

Rainer Budweg bietet anderen Menschen, die auf der Suche nach Angehörigen sind, seine Hilfe bei den Recherchen an.
Die Kontaktdaten können Interessierte gerne in der Landesgeschäftsstelle des Volksbundes in Essen erfragen.

 

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